Wie wir eine positive Sprache entwickeln können

Traumatisierte Kinder legen viele Verhaltensweisen an den Tag, die allgemein als verhaltensauffällig beschrieben werden. Nicht selten werden so nach und nach mit der Zeit diese Verhaltensauffälligkeiten zu den grundlegenden Charakterisierungsmerkmalen  der Kinder. Die allgemeine Frage, wie geht es Justin, wird beantwortet mit einer Aufzählung der Verfehlungen von Justin, einer allgemeinen Charakterisierung als aggressiv, wütend, verletzend.

Gleichzeitig ist es so, dass ein großer Teil der eben genannten Verhaltensweisen genau die Verhaltensweisen sind, die das Kind dazu gebracht hat, die schwierige Vergangenheit zu überleben. Die Aggression, das Träumen, die Wut sind nicht Teil des Charakters, sondern entstanden als Überlebensstrategie, als Rettung aus lebensbedrohlichen Situationen. Die entstandene Persönlichkeit auf diese Verhaltensweisen zu beschränken bedeutet einerseits, sie immer und immer wieder mit den in der aktuellen Situation negativen Verhaltensweisen zu konfrontieren, andererseits verhindert sie den gemeinsamen Blick in die Zukunft.

Daher ist nichts wichtiger in der Arbeit mit traumatisierten Kindern, als eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Eine Sprache, frei von Beschämung, Verurteilung und Bedrohung. Die Kinder erleben ihre Vergangenheit immer wieder in Ereignissen, Emotionen und Zwangshandlungen, die mit der Vergangenheit verknüpft sind. Über diese Erfahrungen sprechen zu können, ohne Beschämung, ohne Urteil ist heilsam. Aber so lange Pädagogen ihren Blick auf die Handlungen der Kinder richten und nicht auf ihren Ursprung ist eine solche gemeinsame Sprache nicht zu finden.

Ein Beispiel aus unserer Beratung:

In fast allen Pflegekinder-Verhältnissen ist das Thema Diebstahl eines der am häufigsten auftauchenden. Kinder, die des Nachts ihre Vorräte auffüllen, sich Essen bunkern, anderen Kindern die notwendigen Spielsachen, Süßigkeiten oder andere Dinge wegnehmen. Wie kann eine solche Handlung besprochen werden, ohne dass es zu Beschämungen kommt?

Und doch ist es möglich – und wenn man sich mit den meisten Diebstählen befasst, wird man feststellen, dass die Ursachen für dieses Verhalten in den meisten Fällen nicht die häufig angenommene nicht oder nur unzureichend vorhandene moralische Reife der Kinder ist, sondern in frühkindlicher Unterversorgung, der Notwendigkeit des Stehlens in weiten Teilen der Kindheit oder in der Unfähigkeit die eigenen Bedürfnisse zu benennen, liegt. Die Kinder sind sich häufig ihrer unmoralischen Handlung bewußt, der Zwang sich aber doch um die eigenen Bedürfnisse kümmern zu müssen obsiegt.

Nun, wie ist es aber trotzdem pädagogisch möglich dieses Verhalten zu besprechen, ohne Beschämung? Der Schlüssel liegt in der Externalisierung des Verhaltens. Eine Technik, die in der Traumapädagogik schon lange Verwendung findet. 

Die Externalisierung ist eine therapeutische Technik, in der Verhaltensweisen quasi „vor die Tür gestellt“ werden. Um auf das obergenannte Beispiel der nächtlichen Diebstähle von Lebensmittel zurückzugreifen, welche Eigenschaften verbinden die Kinder mit diesen Handlungsweisen:

– Heimlich durchstreifen sie die Küche

– Lautlosigkeit ist Trumpf

– Sie werden meist nicht erwischt, oft erst im Nachhinein durch fehlende Lebensmittel

– Füllt eine empfundene Versorgungslücke auf

– Eigene Ängste werden in den Hintergrund gestellt (bspw. Die Angst vor Dunkelheit)

– Hohe Risikobereitschaft, um die Aufgabe zu erfüllen

– Hohe Kreativität, in der Überwindung der Hindernisse

Was liegt bei diesen Beschreibungen näher als ein nächtlicher Superdieb. Eine Figur, die sich trefflich eignet, mit Bilder, Geschichten und kleinen Improtheaterstücken zum Leben erweckt zu werden. Dieser Dieb kann viele Abenteuer erleben die man sich abends gemeinsam erzählen kann. Und natürlich erhält er einen Namen und möglichst ein Gesicht.

Schon nach kurzer Zeit haben wir einen kleinen Superhelden erschaffen, der als Repräsentant der nächtlichen Raubzüge zur Verfügung steht. Nennen wir ihn hier Balthasar. 

Was haben wir durch die Erschaffung dieser Figur gewonnen? Sie ist durch und durch positiv besetzt. Der Held besitzt Eigenschaften, die dem Kind inne wohnen. Er hat eine starken Identifikationscharakter für das Kind. Und vor allem, haben wir einen nicht beschämenden, nicht verurteilenden Namen für die nächtlichen Ausflüge. Es ist möglich, über diese nächtlichen Ausflüge zu sprechen, ohne den moralischen Zeigefinger. Und oft haben wir erlebt, dass es mit der Erschaffung dieser Figur den Kindern möglich wurde, frei von den nächtlichen Ausflügen zu berichten. „Heute war Balthasar wieder da!“ vereinfacht die Kommunikation enorm.

Ebenso ist es möglich, über diese Figur, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen über ihre  Handlungsweise, ihre Entstehung und die Not, die Balthasar erschaffen lies. Die erschaffene Figur repräsentiert unserer Erfahrung nach nicht nur im hier und jetzt und der Zukunft die Handlungsweise, die es zu besprechen gilt, sondern mit dem Auftauchen des Heldens, ist auch ein großer Teil der kindlichen Erinnerung an die nächtlichen Ausflüge in der neu erschaffenen Heldenfigur verortete. 

Über diese Figur lassen sich nun folgende Fragestellungen mit dem Kind bearbeiten:

– Wann muß Balthasar tätig werden?

– Was brauchst Du (oder Balthasar), damit Balthasar Dir nicht helfen muß?

– Welche Situation hat Balthasar erschaffen?

– Wie hat Balthasar Dich beschützt?

– War Balthasar gestern, letzte Woche, letzten Monat aktiv?

– Sollten Dinge im Haushalt  fehlen, verändert sich die Nachfragesituation völlig. Auf die Feststellung: “Oh, Balthasar mußte aber heute Nacht mal wieder auf Tour gehen!“ erhält man unserer Erfahrung nach eine positive Antwort, wenn es stimmt.

Die Figur, die hier in der Zusammenarbeit mit den Kindern entsteht liegt völlig in der Phantasie des Kindes verortet. Die nächtlichen Streifzüge können genauso gut von einem kleinen Troll, einem Drachen, einer Katze oder einer Fee durchgeführt werden. Wichtig hierbei ist letztlich, dass die Figur positiv besetzt, ohne moralische Bewertung und ohne Abwertung des Verhaltens.

Hinter jedem kindlichen Widerstand steht ein Guter Grund

Schon lange arbeite ich mit Kindern, die, wie es so schön heißt, durch das Raster gefallen sind. Die als aggressiv, lernfaul, Dauerträumer, wütend, nie da, übergriffig, falsch, … beschrieben werden. Und das sind noch die netten Beschreibungen. Seit geraumer Zeit fallen sie in der Pädagogik oft unter den Begriff: „Systemsprenger“. Ich kann diesen Begriffnicht leiden, aber er wurde durch den Film geboren und übernommen.

Das Wort Systemsprenger soll beschreiben, was „durch das Raster gefallen“ klarer ausdrücken will, so denkt man.

Wenn ich mir beide Zuschreibungen so anhöre, stellen sich mir die Nackenhaare auf und in MIR regen sich heftige Widerstände.

Beide Beschreibungen sollen auf Kinder passen, die in ihrer frühesten Kindheit mannigfaltigen traumatischen Erlebnissen ausgesetzt waren.Häusliche Gewalt durch Schläge, Abwertungen wie :du bis es nicht wert, du hast es verdient. Vernachlässigung: Essensentzug, Einsperren, nicht um sie kümmern, nicht kleiden,…. Ggf sexuelle Gewalt. Dies sind nur Beispiele, die Palette ist viel größer und diffuser.

In einer Klasse von 25 Kids sitzt 1 Kind, das diese Erfahrungen mit seinen Bindungspersonen machte oder weiter macht.
Jedes 3 Kind macht Erfahrungen mit sexuellem Übergriff.
In der stationären Kinder-und Jugendhilfe haben bis zu 95% traumatisierende Erfahrungen im Elternhaus gemacht (Gewalt psychische u/o physische u/o sexuelle).

Sieht man sich die Statistiken an, weiß man, dass die Dunkelziffern groß sind, also unsere bisherigen Aussagen nicht korrekt sind.

Trotz des jetzigen Wissens verorten wir die schützenden Verhaltensweisen, die dem Kind halfen, zu überleben, in das Kind, als kindliche Eigenschaften.

Für jeden kindlichen Widerstand, wie er auch immer aussehen mag, gibt es einen Guten Grund, den es zu verstehen gilt. Es ist unsere Aufgabe den guten Grund zu berücksichtigen, ggf ihn zu finden.
Dann erst kann es gelingen, sich mit dem Kind auf eine lange Reise zu begeben.
Es ist verletzt, traut per se keinem Erwachsenen, dazu hatte es bis jetzt auch keinen Grund. Die Krux dabei ist, dass das Kind manigfaltige destruktive Beziehungsangebote  erhielt, wieso sollten unsere also tragend sein? Somit begeben wir uns also ständig auf Glatteis und jeder Druck erzeugt Gegendruck.
Und glaubt mir, im Aushalten haben diese Kids den längeren Atem. Denn begeben wir uns in das „Gefecht“, geht das Kind in seine Geschütztürme (Widerstände) und ruft alle gekränkten, verletzten Anteile als Soldaten zur Unterstützung. Die Übernehmen dann das weitere Gesehen und bestimmen den Weg.
DAS WOLLEN WIR NICHT, HIER VERLIEREN WIR UND DAS KIND BEWEISST SICH, DAS ES ERWACHSENEN NICHT VERTRAUEN KANN, DARF!

Gedanken zu Winterhoff

Zuerst einmal, die Vorwürfe rings um Dr Winterhoff haben mich wirklich mitgenommen. Es hat etwas von einem Geschwür, dessen Existenz mir bekannt war, dem wir immer wieder begegnet sind und dessen Bekämpfung ein großer Teil unserer Arbeit ist. Aber gleichzeitig kommt das Gefühl auf, nicht genug getan zu haben.

Wieso haben wir damals, als wir gehört haben, dass Einrichtungen bis zu 300 km fahren, um ihre Kinder in dieser Praxis unterzubringen und mit Medikamenten zu versorgen, aufgehört nachzufragen? Wieso haben wir die Menschen, die dies berichtet haben, nicht stärker bedrängt, sie aufgefordert aktiv zu werden. Wieso haben wir die Verbände, die sich darum kümmern nicht stärker aufgefordert aktiv zu werden.

Vor allem – und das soll keine Ausrede sein – weil es immer nur Hörensagen war, dem wir begegnet sind. Weil Psychologen nun einmal die Experten sind für den Bereich Therapie. Aber sicherlich auch aus Bequemlichkeit.

Die Bücher von Winterhoff hat man zur Kenntnis genommen, sich seinen Teil gedacht und höchstens als abschreckendes Beispiel verwendet. Seine Statements in Talkshows und Interviews haben wir nicht einmal zu Kenntnis genommen, zu abseitig und zu abwegig.

Aber nichts desto trotz, alle die in der stationären Jugendhilfe arbeiten wissen, wieviel noch im Argen ist. Alle wissen, dass das Menschenbild in vielen Einrichtungen nicht nur ein Problem ist, sondern der Kern vieler Probleme. Und eines der Hauptprobleme ist, dass die Einrichtungen, in denen dieses so ist, sich dessen nicht nur nicht bewußt sind, sondern offen für alle sichtbar dieses Menschenbild sogar nach außen tragen.

Es geht nicht darum, den Kindern, denen schlimmes passiert ist – und um diese Kinder geht es in großen Teilen in der Jugendhilfe – zu helfen, mit diesem Leid um zu gehen, es geht oftmals darum, sie unterzubringen, damit Gesellschaft seine Ruhe hat. Notfalls halt auch per Medikament.

Ich bin der festen Überzeugung: Die Traumapädagogik ist einer der möglichen Wege, die Kinder eben nicht ruhig zu stellen, sondern mit ihnen gemeinsam an dem, was sie erlebt haben zu arbeiten.

Und jetzt höre ich schon die Stimmen, die sagen: Die sind aber doch gar nicht alle traumatisiert. Und schon habe ich die Tendenz, in eine Verteidigungshaltung zu gehen. Ja, hilft aber auch den anderen … es geht vor allem um die Haltung …
Ich denke, wir müssen mit dieser Verteidigung aufhören.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind, welches in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung auffällt, unerkannt unter Traumafolgestörungen leidet, ist höher als jede andere Erklärung. Dies belegen auch diverse Studien, bspw. die Ulmer Heimkinderstudie. Und eine Einrichtung, die dies nicht sehen will, keine Konzepte dafür entwickelt und stattdessen den Kindern die Schuld an ihren Verhaltensauffälligkeiten gibt, ist nicht mehr tragbar. Es müssen nicht alle Pädagogen in der Traumapädagogik ausgebildet werden. Aber das Wissen über Trauma muß in allen pädagogischen Bereichen vorhanden sein. Beratung muß schon bei Verdacht eingeholt werden, nicht erst wenn eine ärztliche Diagnose vorliegt. Und Traumapädagogik darf nicht zu einem zusätzlichen Qualitätsstandard werden, der vor allem auf Einrichtungsbroschüren gedruckt wird, um einen höhere Abrechnungssatz zu bewirken.

Ja ich glaube sogar es ist an der Zeit, gerade die Einrichtungen, die sich auf traumatisierte Kinder spezialisiert haben in einem Verband zu organisieren. Denn auch in diesen Einrichtungen begegnet man dem Menschenbild Winterhoffs. Auch dort hörte ich bereits Säze, wie:

  • Also diesen Psychoedukationsmist machen wir hier nicht.
  • Vor Kind xy muß man sich in Acht nehmen, das ist oft ohne Grund aggressiv
  • Es geht vor allem darum, diese Kinder/Jugendlichen auszuhalten
  • Das können wir hier nicht leisten, dazu ist unser Personalschlüssel zu klein…

Und zuletzt, dieses Menschenbild macht sich in Einrichtungen schleichend breit. Es fängt bereits dann an zu wirken, wenn wir anfangen, Verhaltensweisen zu Charaktereigenschaften zu machen. Immer. Denn die Arbeit mit Kindern mit Traumafolgestörungen ist anstrengend und aufreibend manchmal. Nur wenn wir immer im Blick haben, dass das was wir sehen die Folge des Erlebten ist, dass es einen pädagogischen Weg in eine bessere Zukunft gibt, ist sie teilweise leistbar. Aber diesen pädagogischen Weg gibt es.
Was könnte helfen?

Fangen wir erst einmal mit der gemeinsamen Arbeit von Therapeuten/Psychologen und Einrichtungen an.



Der gemeinsame kindzentrierte Blick hier ist unerläßlich. Immer wieder höre ich aus der jeweilig anderen Prosfession Sätze, wie: Also ganz schlimm, was xy macht. Wir schaffen es ja gerade einmal die Fehler des anderen zu beruhigen.
So macht die Arbeit beider keinen Sinn. Die Erzieher sind es, die 24/7 versuchen, mit dem Klienten zu arbeiten, oft sogar einfach den Tag zu überstehen. Der Therapeut versucht in regelmäßigen Sitzungen die Lage des Klienten langfristig zu stabilisieren. Aussagen, wie die oben genannten sind meist ein Zeichen dafür, dass Schuldige für das gesucht werden, das nicht funktioniert, anstatt gemeinsam nach Lösungen Ausschau zu halten. Nur gemeinsam ist dies möglich. Und wenn eine Partei die Zusammenarbeit verweigert, ist irgendwo eine Notwendigkeit zu Aufklärung oder Vermittlung der Sinnhaftigkeit einer Handlung vorhanden. Gegeneinander geht nie. Dazu bedarf es Wertschätzung und Respekt vor der Arbeit des jeweils anderen, aber auch das Recht auf beiden Seiten, nachzufragen und sich Erklärungen geben zu lassen.

Die Arbeit von pädagogischen Leitern und Beratern

Mir sind mehrfach Menschen in diesem Rahmen begegnet, die Trauma negieren und/oder deren Wissen im Bereich Trauma auf dem Stand ihres Studiums stehen geblieben war. Fehlendes Wissen führt immer auch zu einer Einschränkung im Bereich der Suche nach Lösungsstrategien. Dies führt fast ausnahmslos in die Verortung der Probleme in das Kind. Denn wenn pädagogisch keine Lösung möglich erscheint, bleibt nur diese Strategie zur Aufrechterhaltung meiner Arbeit. Und dies führt unweigerlich in die Hilfslosigkeit der ausführenden Pädagogen und Erzieher. Das Lernen in diesem Bereich darf nie aufhören. Fortbildungen müßten gerade im Bereich der Jugendhilfe ständig und kontinuierlich angeboten werden.

Der Austausch der einzelnen Akteure im Bereich der Jugendhilfe ist mehr als dürftig



Auch der Blick auf den Fall Winterhoff zeigt wieder einmal, dass sich alle Beteiligten auf den jeweils anderen Part verlassen haben. Immer wieder wird mir klar, dass nur das Wissen um die Aufgabe meines Gegenübers mir hilft, seine Haltung und seine Handlungsweise zu verstehen, aber auch bei der Einschätzung, welches Aufgabenspektrum er denn abdeckt. Insbesondere die Kritik der jeweils anderen Profession im oben genannten Zusammenhang macht dies deutlich. Selbst in „gelungener“ Zusammenarbeit erlebe ich regelmäßig Kritik an Beteiligten der Arbeit hinter ihrem Rücken. Ich glaube, dies ist zu großen Teilen ein Problem einer nicht vorhandenen Fehlerkultur und einer strikten hierarchischen Struktur, in der eine gemeinsame Arbeit auf Augenhöhe nur sehr schwer aufzubauen ist.

Keine Einrichtung darf eine Insel werden

Wie soll einE PädagogIn oder ein Kind erkennen, dass etwas nicht richtig läuft, wenn es keinen Kontakt nach außen hat. Ich dachte früher, der Vormund sei ein Weg, aber Winterhoff hat gezeigt, dass dies nicht ausreichend ist. Es ist dasselbe Problem, wie bereits in traumatisierenden Familien. Erst einmal ist normal, was mich umgibt. Dies in Frage zu stellen bedarf enormer Kraftanstrengung, einer Kraftanstrengung, die die Akteure eventuell nicht aufbringen können. Nur der Austausch mit anderen Betroffenen ergibt eine Erweiterung der eigenen Wahrnehmung. Und nur diese neue Wahrnehmung kann wirkliche Veränderung bewirken.

Es bedarf unabhängiger Beschwerdestrukturen

Seit Jahrzehnten reden wir von Teilhabe und Beteiligung, nach wie vor habe ich aber nicht das Gefühl, dass Menschen in Jugendhilfeeinrichtungen irgendeine Stelle haben, an die sie sich wenden können, wenn etwas ,ihrem Empfinden nach, nicht richtig läuft. Beschwerdestellen innerhalb der Strukturen sind nicht ausreichend. Und außerhalb der Strukturen nicht vorhanden. Am eigenen Leibe mußten wir erfahren, was es heißt, gegen ein Jugendamt Beschwerde einzulegen. Wenn das Jugendamt die Stelle ist, in der die Beschwerde bearbeitet wird und alle anderen Stellen sich darauf zurückziehen, dass sie ja nicht weisungsbefugt sind, geht die Kraft schnell dahin.

Es bedarf einer Kindzentrierten Sicht – aller Beteiligter

Die traumapädagogische Sicht auf Kinder ist für mich vor allem gekennzeichnet durch die Einbeziehung des biographischen Hintergrundes des Kindes. Die beobachteten Verhaltensweisen eines Kindes werden nie (oder sollten nie) als eine Charaktereigenschaft sondern immer als die Folge dieses biographischen Hintergrundes gesehen werden. Der Ursprung dieses Verhaltens liegt in den vergangenen Lebensbedingungen des Kindes. Die gemeinsame Arbeit beginnt immer mit der Suche des Punktes, an dem in der aktuellen Situation eine andere Lösung möglich gewesen wäre. Und danach folgt grundsätzlich, die Suche nach intrinsischen und extrinsischen Unterstützungen, um nicht gewollte Folgen zu vermeiden.
Diese Sichtweise setzt keine ptbs voraus. Aber sie setzt voraus, dass erlebte oder beobachtete psychische oder physische Gewalt immer eine Auswirkung auf die Verhaltensweisen von Kindern haben. Auch Vernachlässigung von Kindern gehört für uns in den Bereich von Gewalt. Es bedarf keiner ptbs Diagnose für diese Sichtweise. Fremduntergebrachte Kinder haben immer einen biografischen Hintergrund und in weiten Teilen ist dieser von potentiell traumatisierenden Erlebnissen durchzogen. Selbst wenn ein Kind sich scheinbar resilient zeigt. Nur weil es nicht ausreichende Symptome einer ptbs zeigt oder diese nicht diagnostiziert sind. Trauma sollte keine 0-1 Diagnose sein, denn die Folgen von traumatischen Ereignissen sind es ebenso wenig.

Das Ende der Pflegeeltern

So eben habe ich die Aussage eines Pflegekinderdienstes vernommen, dass das Kreisjugendamt, zu dem diese Abteilung gehört, ihre Mitarbeiter aufstockt, um stationäre Einrichtungen zu Gunsten der Pflegeeltern massiv zu reduzieren. Es fiel sogar der Ausdruck: Wir werden die Stationären Einrichtungen einstampfen. Eine Entwicklung, deren Ziel bereits in den letzten Jahren zu beobachten war.
Mit Schrecken denke ich an den Leiter eines Jugendamtes, der vorrechnete, dass Pflegeeltern aus wirtschaftlicher Betrachtung, immer die günstigere Unterbringung seien. Aber zu welchem Preis – der überigens mit einkalkuliert wurde? Ohne mit der Wimper zu zucken wurde vorgerechnet, dass im Falle des Scheiterns die Kosten für die verbliebene Zeit massiv in die Höhe schnellen würden, dies aber durch die Einsparungen und die Fällen denen eine positive Entwicklung zu verzeichnen sei, gedeckt wäre.
Es ist einfach zu verlockend, wenn man die Kosten einer stationären Unterbringung denen von Pflegeeltern gegenüberstellt. Aber diese Rechnung wird ohne Betrachtung der Situation der Kinder gemacht. Sie beruht einzig und allein auf wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung.
Das System, wie es aktuell ist, ist nicht perfekt. Die 120Tsd jährlich unterzubringenden Kinder – Tendenz steigend – werden zur Hälfte bei Pflegeeltern untergebracht zu Hälfte in Heimen.
Und sicherlich isst die Anbindung an eine Familie in vielen Fällen eine gute und sinnvolle Entscheidung. Aber was völlig außer acht gelassen wird:

  • Viele Unterbringungen sind auf Zeit ausgelegt. Die Jugendämter haben zum Zeitpunkt der Unterbringung noch keine klare Erkenntnis, wie sich die Ursprungsfamilie entwickeln wird. Kindesgefährdung aktuell liegt vor, aber vielleicht bekommt die Familie die Situation in den Griff. In der bisherigen Jugendamtwelt ein klarer Fall für Bereitschaftspflegestellen und dann für eine gewisse Zeiten eine stationäre Einrichtung.
    Sinnvoll, denn Beziehung und familiäre Einbindung lassen sich nicht endlos immer und immer wieder neu knüpfen.
  • Es gibt durchaus eine große Anzahl Kinder, die zum Zeitpunkt der Unterbringung nicht bereit sind eine neue Beziehung zu einem Erwachsenen einzugehen. Sei es, weil der Hilfeprozess zu langsam war oder zu spät kommt, sei es weil die Erlebnisse der Vergangenheit sich als zu extrem herausstellen.
    Hier wäre eine Unterbringung in eine Pflegefamilie für beide Seiten eine schlechte Idee. Die Ausbildung eines Heimerziehers – mit späterer Weiterbildung in Richtung Traumapädagoge – dauert Jahre, die der Pflegeeltern ist in einigen zig Stunden erledigt.
  • Der Wunsch Pflegeeltern zu werden entsteht nicht selten aus dem unerfüllten Wunsch – eigene Kinder zu haben. Gerade hier widerspricht die Unterbringung einiger Kinder – deren Schädigung in der Vergangenheit zu massiven Beziehungsstörungen geführt hat der Unterbringung in einer solchen Familie.
  • Und zu guter Letzt, suchen Jugendämter in ganz Deutschland Pflegeeltern. Sie sind froh, den Bedarf im jetzigen System erfüllen zu können. Da nützen auch mehr Mitarbeiter wenig.

Statt sich das bestehende System anzuschauen und es durch stetige Veränderung zu verbessern, sehen sich Städte, Gemeinden und Kreise dazu veranlaßt, dringend die Kosten der Unterbringung massiv zu senken. So dringend, dass es egal ist, ob die Veränderung dem Kindeswohl zuträglich ist oder nicht. Wenn sich diese Entwicklung im großen Stil durchsetzt, sehe ich das Pflegekinder sterben, denn nichts wirkt sich negativer aus, als Berichte überforderter, enttäuschter Eltern, als Berichte schlecht versorgter Kinder, als Schreckensbilder und Schreckensberichte, wie wir sie in der Jugendhilfe der 70er Jahre hatten.

Geld ist nicht der einzige Punkt für gelungene Hilfen, aber Qualifikation und sinnvolle Hilfe muß halt finanziert werden. Und wem Stationäre Unterbringung zu teuer ist, hat nicht verstanden, dass es beide Institutionen bedarf, um in beiden Institutionen sinnvolle Arbeit zu machen, denn die Zielgruppen sind in beiden Fällen Kinder, aber eben nicht in beiden Fällen Kinder mit den selben Voraussetzungen.

Die Anzahl der Kinder, die sinnvoll in eine Pflegefamilie untergebracht werden können ist begrenzt, selbst in den Fällen, in denen es sinnvoll erscheint, ist häufig die Qualifikation der Eltern noch unzureichend, um mit der Lebenssituation, aus der die Kinder kommen umgehen zu können. Auch im bisherigen System gibt es von genügend Fällen zu berichten, in denen die Familie überfordert ist, scheitert, aufgeben muß.

Aber hey, es war günstig in dieser Zeit – sehr günstig.

Ich hoffe sehr, dass diese Aussage ein Einzelfall bleibt, aber ich fürchte, sie ist es nicht.

Die sind nicht krank, diese Kinder

Wir denken immer, wir würden Erfahrungen machen – in Wirklichkeit machen die Erfahrungen uns.
In der aktuellen Diskussion zum pädagogischen Umgang mit traumatisierten Kindern fällt immer wieder die Aussage: „Die Kinder sind nicht krank!“ Betrachtet man aber Typ II traumatisierte Kinder, um die es in folgendem Text vor allen Dingen geht, und nimmt den ICD 10 als Grundlage der Entscheidung, dafür, ob das Verhalten der Kinder psychisch auffällig ist, wird in vielen Fällen eine weitreichende Schädigung zu erkennen sein. Die Diagnose Bindungsstörung (mit oder ohne Enthemmung) im Kindesalter oder eine sozial emotionale Störung ist ein vielen Fällen bereits nach wenigen Sitzungen diagnostiziert. Ein Widerspruch!
Grundlegend geht es hier um eine fehlgeleitete Argumentation einer der Kernaussagen der Traumapädagogik.
Nicht die Kinder sind es, die krank sind, 
 sondern die Umwelt, in der sie aufwuchsen ist es.
Diese Aussage der Traumapädagogik ist wichtig und auf allen Ebenen zu verteidigen. Zentriert man den Blick auf die Kinder und ihre Biografie ist dieser Satz sehr wahr und hilft, die Verhaltensweisen der Kinder zu verstehen, zu würdigen und ohne Abwertung zu handeln. In die gesellschaftliche Umgebung des Kindes gelenkt, wird die Aussage grundlegend falsch.
Das Verhalten des Kindes in seiner ursprünglichen Umgebung ist normal und hat sein Überleben gesichert.
DIE SIND NICHT KRANK, DIESE KINDER !

In anderen sozialen Kontexten sind die gleichen erlernten Verhaltensweisen a-typisch, behindern das Kind in seiner Entwicklung und sorgen für weitere schädigende und beschämende Erfahrungen. Mit anderen Worten: Ein traumarisiertes Kind ohne seine Biografie zu betrachten ist, als würde man einem Menschen ohne Berücksichtigung seines beruflichen Weges in einen neuen Job vermitteln. Sicherlich ist es für einen wissenschaftlich ausgebildeten Menschen sinnvoll, einen Sachverhalt wissenschaftlich zu bearbeiten und Veröffentlichung anzustreben, als Automechaniker hilft diese Vorgehensweise nicht weiter.
Zu sagen, traumatisierte Kinder sind nicht krank, wertet den alltäglichen Kampf um eine Normalisierung der erlernten Verhaltensmuster ab. Nicht nur im Hinblick auf traumapädagogisches Wirken, sondern auch mit Blick auf die Kinder, welche tagtäglich mit ihren Monstern der Vergangenheit kämpfen. Die Bemühungen Ängste zu überwinden, impulsives Verhalten zu neutralisieren, sich auf fremde Erwachsene und die Versorgung durch diese verlassen zu können oder sich nicht selbst zu verletzen mit dem Satz abzutun, das muß man nur eine Weile Aushalten, das vergeht von alleine, ist nicht nur am Ziel vorbei, sondern würdigt nicht einmal im Ansatz die Leistung aller am Prozess beteiligten, insbesondere der Kinder.
Im Falle eines Beinbruches, welcher nicht korrekt erkannt und behandelt wurde, können die Spätfolgen zu Humpeln, schiefer Hüfte, ständigen Schmerzen oder gesellschaftlichen Einschränkungen führen. Die einzige wirksame Behandlungsmethode, um Spätfolgen zu verhindern, wäre eine gezielte Diagnostik, um die Behandlung einzuleiten. Denn wenn nicht genau hingeschaut wird, können aus einem simplen Beinbruch dauerhafte Schädigungen und sogar psychische Erkrankungen entstehen. Gerade traumatisierten Kindern eine Diagnostik, therapeutische Behandlung und eine traumasensible pädagogische Begleitung vor zu enthalten, da sie „nicht krank“ sind, entbehrt nicht nur jeglicher Logik, sondern verschlimmert die Situation der Kinder. Indem Ihre Probleme bagatellisiert werden. Es sind die Folgeschäden der Traumarisierung, mit denen Kinder oder dann Erwachsene ihr Leben lang zu kämpfen haben. Je eher die Betroffenen diagnostiziert sind, desto eher können sie Unterstützung erfahren, um korrigierende Erfahrungen machen zu können. Hierzu bedarf es allerdings traumasensibler Fachkräfte, Therapeuten mit geeigneter Qualifikation und die Anerkennung dessen, dass ein erschüttertes Seelenleben auch eine Erkrankung darstellt.
DIE SIND NICHT KRANK, DIESE KINDER !

Vielleicht sollte man auch im psychischen Bereich den Krankheitsbegriff genau betrachten. Die Krankheit ist es, die den gesunden Körper befällt. Die Krankheit zu sehen heißt also nicht, den Kindern ihre gesunden Reaktionen ab zu sprechen, sondern ihnen die Verantwortung für die Differenzen in ihrem Verhalten zu nehmen. Dass heißt, bei Verneinung der Krankheit wird – trotz anders lautenden Bekundungen – den Kindern die Verantwortung für ihr Verhalten vollständig übergeben. Da sie nicht krank sind und sich nun – im Fall einer Fremdunterbringung – in einer gesunden Umgebung befinden, ist weitere Hilfe, weitere Unterstützung nicht nötig. Und jeder, der mit traumatisierten Kindern arbeitet weiß, dass dies – gelinde gesagt -nicht nur falsch ist, sondern auch in der Zukunft der Kinder falsch bleibt.
Kinder, die in traumatisierenden Verhältnissen aufwachsen sind in ihrer Entwicklung leider nicht nur beeinträchtigt, sondern ein Teil ihrer Entwicklung ist aus den Fugen geraten. Es geht also nicht nur darum, die aktuelle Situation zu betrachten, sondern darum, alte und falsche Entwicklungsschritte soweit möglich durch neue zu unterstützen. Im Grunde müßte man sogar vollkommen anders formulieren:
Ein Trauma ist eine Erkrankung wie Rheuma. Wir können alles tun, um sie soweit möglich einzudämmen. Wir ergänzen die Persönlichkeit der traumatisierten Kinder um neue, zusätzliche Handlungsmuster und -strategien, so dass die Traumafolgestörungen sich immer seltener bahnbrechen müssen. Ein Ausradieren, Korrigieren oder Heilen der gekränkten und geschädigten Persönlichkeit findet nicht statt. Hüther nutzt das schöne Bild einer Strasse, als Symbol der neuronalen Verknüpfungen im Gehirn. Die „Schnellstrasse“ im Gehirn der Betroffenen wird nicht eliminiert, sondern wird lediglich nicht mehr sooft befahren, da es eine Vielzahl „besserer“, inzwischen gut ausgebauter neuer Strassen gibt. Diese Umgehungsstrassen über, unter und neben der Autobahn und die Stoppschilder auf der alten Schnellstrasse verhindern aber nicht, dass es zu einer erneuten Nutzung der weiterhin gut ausgebauten alten Strasse kommen kann. Mit anderen Worten, die Betroffenen sind nicht nur krank, sondern leiden an einer chronischen Erkrankung, die sich immer wieder in den Vordergrund schieben kann. Und auch hier zeigt sich die Falschheit der Aussage deutlich. Wir alle müssen die Krankheit akzeptieren und den Betroffenen alle Hilfsmittel zur Verfügung stellen, um mit Ihrer Erkrankung ein zu dämmen.
Wie kommen aber traumasensible Menschen zu einer solchen Aussage?
DIE SIND NICHT KRANK, DIESE KINDER !

Eine mögliche Erklärung wäre das Problem einer sekundären Traumarisierung oder einer eigenen Retraumatisierung in helfenden Berufen. Hierbei werden Menschen, die sich mit dem Trauma anderer befassen „angesteckt“ durch die Symptome der Betroffenen. Ein funktionaler traumarisierter Mensch muss den Einfluss des Traumas auf das eigene Leben ausblenden, um handlungsfähig zu bleiben. Wenn dieses eigene Handlungsmuster aber auf andere Menschen übertragen wird, führt es zu dem Fehlschluß, traumatisierte Menschen sind nicht krank. Das Ausblenden der eigenen Erkrankung führt zur Abwertung des Leidens der Betroffenen.
Möglicherweise liegt es auch an falsch verstandener Systhemik. Auch wenn zur Analyse der familiären und gesellschaftlichen Situation des Kindes der Anteil der Kinder an der Situation betrachtet werden muß, kann den Kindern keinerlei Verantwortung für die Situation gegeben werden. Jegliche Verhaltensweisen eines Kindes liegen begründet im Verhalten der Eltern oder der gesellschaftlichen Umgebung, so dass der Anteil eines Kindes immer auch in diesem Kontext gesehen werden muß.
Zum anderen sind mit der Aussage natürlich sekundär auch finanzielle Folgen für die Betroffenen zu erwarten. Wenn die Anerkennung der Erkrankung verweigert wird, wird gleichzeitig die Hilfeleistung verweigert. Es reicht also vollständig aus, abzuwarten und ein wenig Psychoedukation anzubieten und alles wird gut. Vor allem für die Haushalte der Kommunen aktuell. Ob bei einem unbearbeiteten Trauma spätere Folgekosten wesentlich höher sind, spielt im Jugendhilfesystem keine Rolle. Und das, obwohl in fast allen Jugendämter Familien mit einer generationsübergreifenden Hilfekarriere bekannt sind. Traumata, die von Generation zu Generation weitervererbt werden, ohne dass der Teufelskreis unterbrochen wird.
Vielleicht liegt es aber auch an einem ganz einfachen Zusammenhang. Sehr oft fällt diese Aussage von Menschen, die sich auf einem sehr theoretischen Niveau mit Trauma befassen. Trauma mit all seinen Auswirkungen auf den Alltag der Betroffenen in seiner Gänze zu erfassen fällt vielen Menschen schwer. Es aus Sicht der Betroffenen oder aus Sicht der pädagogisch tätigen Menschen zu vermitteln ist mindestens ebenso schwer. Die volle Tragweite einer Traumarisierung mag auf einem Blatt Papier scheinbar klar sein, die
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emotionalen und psychischen Folgen dieser auf dem Papier klaren Diagnosen im Alltag ist allerdings nur durch wirkliches Erleben möglich.
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Kinderschutz im Rahmen der Reform des SGBVIII

Kinderschutz ist das Zentrum aller Bemühungen in Deutschland. Sollte es sein! Und es wird keinen Politiker geben, der das Gegenteil behauptet. Und Jugendämter sind ja dazu da, genau dieses Anliegen unter die Leute zu bringen, oder?

Nun, seit einiger Zeit besuche ich regelmäßig Veranstaltungen verschiedener Jugendämter zum Thema Trauma. Und auf diesen Veranstaltungen machte sich bei mir ein Gefühl breit, dass es mit dem Kinderschutz nicht wirklich so weit her ist. Warum?

Nun, immer wieder begegnete ich auf unterschiedlichsten Veranstaltungen der Aussage: „Die fremd untergebrachten Kinder sind nicht krank! Sie bedürfen keiner besonderen therapeutischen Behandlung! Das verwächst sich!“

Warum macht mich diese Aussage stutzig? Nun, wenn man aktuelle Veröffentlichungen im Bereich Trauma verfolgt, wird ein vollkommen anderes Bild geprägt. Schmid et al veröffentlichten 2009 die Ulmer Heimkinderstudie, mit verheerenden Aussagen. Gut 75% aller fremduntergebrachten Kinder seien traumatisiert, Bei über 50% aller Kinder sind psychische Störungen diagnostiziert.

Und mein Alltag, mit traumatisierten Kindern (mit Sicherheit ein rein praxisorientierter Eindruck) zeigt mir, Trauma geht nicht vorbei.

Und trotzdem wird Pflegeeltern und Erziehern, die sich für das Thema interessieren diese Aussage vom Jugendamt – dem Wächter über den Kinderschutz – übermittelt?

Nun, eine weitere Information macht in diesen Tagen die Runde! Das achte Sozialgesetzbuch steht vor einer Überarbeitung.  Und das, was über diese Überarbeitung an die Öffentlichkeit dringt, ist erschreckend und klingt folgendermaßen

  • Die Jugendhilfe soll „regionalisiert“, werden. Faktisch eine Jugendhilfe nach Kassenlage.
  • Der Rechtsanspruchs auf Hilfe zur Erziehung soll ersetzt werde durch die „pflichtgemäße Ermessensentscheidungen“ des Jugendamtes. Wodurch eine nötigenfalls richterliche Entscheidung unmöglich gemacht wird.
  • Individuelle Hilfen sollen zugunsten von Infrastruktur-  und Gruppenangeboten ersetzt werden.
  • Nicht mehr Symptome der Kinder sind ausschlaggebend für die Bewilligung von Hilfemaßnahmen, sondern medizinische/psychiatrische Diagnosen.

Und nach und nach kommen weitere Interpretationen – durch tiefer gehende Text- und Kommentaranalyse ans Tageslicht. So scheint es so zu sein, als wären in Zukunft Erziehungsstellen in der heutigen Form nicht mehr zulassungsfähig.

Nun, wenn man nun beide Aussagen zusammenführt, wird das, was sich aktuell im Bereich Kinder- und Jugendhilfe abspielt etwas deutlicher. Die Länder und Kommunen müssen sparen! Ihnen fehlen Einnahmen, die Ausgaben steigen. Auch – und vielleicht vor allem – im Bereich Kinder- und Jugendhilfe.

So gesehen, machen die Aussagen Sinn. Wenn die Kinder garnicht krank sind, läßt sich Hilfe trefflich einsparen. Wenn das Jugendamt die Entscheidungshoheit erlangt, können weitere, höhere Kosten gedeckelt werden. Und mit der Zeit wird – wie oben mitgeteilt – alles gut.

Wie gesagt, sieht die Realität leider anders aus. Es bedarf schon eines wüsten Spartraumes, um die Bedürftigkeit der Kinder zu übersehen. Ein Kind, dass aus einer Erziehungssituation kommt, aus der der Kinderschutz – in Gestalt einer Inobhutnahme aufgrund einer akuten Kindeswohlgefährdung – der letzte Ausweg war, hat den Schutz und die Anteilnahme des Staates bitter nötig. Denn diese vergangene Erziehungssituation wird es sein Leben lang verfolgen. Wenn die Pädagogen, denen es danach begegnet, gut ausgebildet sind, mag es Wege finden, trotz dieser schrecklichen Erfahrungen ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Begegnet es allerdings keinen guten Pädagogen, sind Beziehungsunfähigkeit, Angst, Aggression und Resignation seine ständigen Begleiter. Und wenn uns, unserem Land dieser Unterschied nicht genug Wert ist für einen wirksamen Kinderschutz zu sorgen, ist die Gesellschaft, die wir in unserer Zukunft erzeugen intolerant, von Angst beseelt und gekennzeichnet von Einzelgängern.

Vielleicht sollten wir jetzt etwas tun und nicht erst, wenn es zu spät ist.