Ich bin es leid … von unseren täglichen Kämpfen

Seit mehr 13 Jahren kümmern wir uns um schwerst traumatisierte Kinder. Was heißt das, einmal losgelöst von dem, was den Kindern passiert ist.
Wir kümmern uns um Kinder, die bei Aufnahme im Alter von 4 Jahren bereits bis zu 9 verschiedene Betreuungspersonen und Betreuungssysteme erlebt haben. Um Kinder, die die Betreuer in Heimen, Pflegefamilien oder sonstigen Einrichtungen überfordert haben. Die bei Aufnahme nicht Sprechen, Weinen, Lachen oder auch nur Laufen konnten. Wir haben Angstschreie erlebt, die so durchdringend waren, dass jedem Anwesenden klar war, hier geht es nicht um einfache Angst, hier geht es um das Überleben der Kinder. Die Kinder zeigten psychische Auffälligkeiten, von Schmieren mit Kot oder das Einhalten von Stuhlgang, Schlaflosigkeit, äußerst aggressives Verhalten oder auch stille Zurückgezogenheit in eine Welt, in der kein Mensch Zutritt hatte.
Wir haben Kinder erlebt, die Schmerz, Trauer, Wut vollständig hinter einer scheinbaren Wand aus Stille verbergen konnten. Kinder, die eine Aufmerksamkeitsspanne von 1 oder maximal 2 Minuten hatten. Wir haben damit gelebt, das die Kinder jede Nacht durch das Haus striffen, um sich um ihre lebensnotwendigen Dinge, wie Nahrungsmittel zu kümmern. Wir konnten gut damit umgehen, dass es Jahre dauerte, das ein Kind sich von einem von uns tröstend berühren ließ, dass für das Kind der einzige Zugang zu Wärme und Nähe der Familienhund war. Wir sind mit den Kindern wöchentlich zu Therapien gefahren, manchmal im Zimmer sitzend, weil dieser neue, fremde Mensch – egal wie empathisch er war – eben eine potentielle Gefahr darstellte.
Wir haben sie zu Förderungen gebracht, um Ihnen die professionelle Hilfe geben zu können, um ihre in der Vergangenheit nicht erreichten Entwicklungsfortschritte wieder auf zu holen.
Es hat uns wenig ausgemacht, ständig mit Ärzten, Kindergärtnerinnen und Lehrern zu sprechen, damit diese das „unbotmäßige“ Verhalten der Kinder verstehen konnten, um Ihnen einen Weg in die scheinbar normale Welt zu ermöglichen. Wir haben mit genau diesen Menschen gestritten, gegen sie gekämpft, wenn ein Arzt trotz Wissen um die erlebten sexuellen Übergriffe eine Genitaluntersuchung ohne jede Empathie meinte durch zu führen.
Wir haben die Kinder gerne dabei begleitet, ihre Ängste zu bekämpfen, wenn nötig nächte-, tage-, monatelang. Wir haben mit Ihnen geschaut, welche Wege es aus ihrer Angst gibt, Räume umgestaltet, umgestrichen, renoviert, so lange, bis dieser eine Raum gefunden war, der Sicherheit und Stabilität für die wenigen Stunden der Erschöpfung gab.

Wir haben sie über Jahre in die Schule begleitet, weil wir die einzigen Menschen waren, die genug Sicherheit gaben, dass sie sich dieser Welt widmen konnten. Wir haben Schulungen für die Lehrer gegeben, damit diese es zulassen konnten, das diese Kinder manchmal einen etwas anderen Weg brauchen, um dabei bleiben zu können. 

Wir haben Jugendamtsmitarbeitern erklärt, warum der Weg zur Besserung ein langer steiniger Weg ist, sie dazu gebracht, auf die kleinen positiven Dinge zu schauen, um den Fortschritt der Kinder zu sehen.
Für all das haben wir studiert, auf unsere Kosten Forbildungen besucht, Literatur studiert und uns mit Menschen ausgetauscht, die unseren Blick auf das traumatisch induzierte Verhalten der Kinder erweiterten. Wir haben unser Leben auf die Situation dieser Kinder angepasst. Sei es indem wir unseren Urlaub auf Campingplätzen verbrachten, denn die Übernachtung in einem Hotel oder gar Flugreisen würden niemals von Jugendämtern für diese Kinder finanziert, oder sei es in dem bei jeder Entscheidung, jedem Hobby, jeder Veränderung zuerst an die Konsequenzen für die Kinder gedacht wurde

Das alles haben wir mit Erfolg getan. Diese Kinder sprechen, weinen, lachen, lernen, lieben und lernen, jeden Tag mehr mit ihrer Vergangenheit klarzukommen. Das alles haben wir im Auftrag von Jugendämtern getan, die bei Aufnahme jedes einzelnen Kindes Sätze sagten, wie: „Wir wissen nicht wohin mit diesem Kind! Es muß schnell gehen, denn die aktuelle Situation ist nicht haltbar!“

Als es die Möglichkeit gab, den Kindern eine neue, Sprache, Kultur und bessere pädagogische Angebote zu bieten, gab es für uns keine Hindernisse, die wir nicht aus dem Weg räumen konnten.

Für all das haben wir für die Jugendämtern ein Konzept erarbeitet, das in der Summe der Kinder ein Sozialarbeiter Gehalt einbrachte. Ein Gehalt für die eine Person, die unabhängig aller anderen Aufgaben ständig und jederzeit erreichbar sein muß. Auch heute noch. Denn auch bei einer noch so positiven Entwicklung, kann es jederzeit zu dem einen Trigger, der einen Verhaltensweise eines Freundes, Lehrers oder anderen Menschen kommen, der das mühsam aufgebaute Konstrukt der Sicherheit zum Einstürzen bringt. 

Und in all den Jahren schafften es Jugendämter regelmäßig, sich gegen uns zu stellen. Nicht der konkrete Mitarbeiter, der die Kinder in regelmäßigen Intervallen beobachten konnte, sah, wie sie sich entwickelten. Nein, diejenigen, die sich gegen uns stellten waren immer die Menschen, die mit den konkreten Entwicklungen der Kinder keine Berührung hatten. Anträge auf Schulgeld wurden zurückgewiesen mit den Worten: „Das würden sie für ihre Kinder doch auch bezahlen.“ Uns rechtlich zustehende Summen, wie Rentenzuschüsse, Versicherungszuschüsse wurden mit immer neuen Begründungen abgelehnt. Mehrmals mußten wir mithilfe von Gerichten unhaltbare Situationen klären, weil es Mitarbeiter gab, die aus uns unerklärlichen Überlegungen prinzipiell davon ausgingen, dass sie mit Ihrer Verantwortung auch die einzig entscheidenden Entscheidungsträger seien, unabhängig von Psychologen, Therapeuten, Beratern und uns. Wir haben die Kinder natürlich auch vor Gericht in ihren Prozessen angestoßen durch ihre Eltern oder in Streitigkeiten zwischen ihren Elternteilen begleitet. 

Und vor allem erleben wir nun zum wiederholten Mal, das eines der Jugendämter die ausgehandelte Bezahlung über Monate nicht zahlt. Trotz Aufforderungen, Berichten oder Beschwerden. Es geht hier nicht um einige hundert Euro. Im aktuellen Fall geht es inzwischen um mehrere tausend Euro. Und es geht auch nicht darum, dass das Jugendamt in irgendeiner Art und Weise Kritik an unserer Arbeit äußert. Nein, die pädagogische Seite lobt diese, schreibt von passgenauer Hilfe.

Nein, es geht darum – wie das Jugendamt schreibt -, dass es ja auch auf die Kostenseite der Hilfe achten müsse. Ja richtig – auch auf die Kostenseite.

Ich möchte es mal so sagen. Jedes einzelne der Kinder hätte – wenn es bei uns nicht untergekommen wäre, ein vielfaches an Kosten erzeugt. Und zwar seit Jahren. Einem traumatisiertem Kind Hilfe und Stärke zu geben, ist aus der Kostenbetrachtung eine ziemlich einfache Rechnung. Und ich bin es Leid, um ein 1/3. Sozialarbeitergehalt zu streiten, dafür, dass ich – wenn ich meinen gewohnten kindzentrierten Blick einmal kurzfristig verlasse – den Jugendämtern einen Haufen Geld einspare, für Heimunterbringung, Schulbegleitung, Sonderpädagogische Maßnahmen, die anfallen würden. Mit wesentlich geringerer Aussicht auf Erfolg.

Und um auf meinen kindzentrierten Blick zurückzukommen. Wir schaffen es hier, Kindern, die mit der Welt der Erwachsenen abgeschlossen hatten, einen zweiten Anlauf zu ermöglichen, so etwas wie Familie ein weiteres mal zuzulassen. Wir ermöglichen Ihnen in Zukunft nach einer weiteren Therapie ein normales Leben zu führen. Wir ermöglichen es Ihnen einer teils seit Generationen bestehenden Spirale von sexueller Gewalt, Übergriffen und Verletzungen zu entfliehen.

Ich mag mich nicht mehr streiten. Ich mag nicht mehr von Menschen, die keinerlei Kontakt zu der Situation der Kinder haben abgewertet, schlecht behandelt und verarscht werden.

Ich mag nicht mehr zusehen, dass traumatisierte Menschen aus der Gesellschaft ausgestoßen werden, ausgestoßen nachdem sie misshandelt und missbraucht wurden, nachdem in den meisten Fällten zu spät hingesehen wurde. Oder obwohl hingeschaut wurde, in den Jugendämtern aus Überlastung und Überarbeitung, dann doch keine Hilfe zu finden war, um dann zusätzlich um ihre Zukunft zu kämpfen – in vielen Fällen nicht mit, sondern auch noch gegen das Jugendamt, weil das was sie benötigen tatsächlich Geld kostet.

Ich bin es leid, dass andere Menschen meine Kraft und Ressourcen verschwenden, in dem Kampf um ein paar hundert bereits bewilligter Euro. Diese Kraft und Energie habe ich bitter nötig für den täglichen Alltag mit diesen Kindern.

Ich bin es leid, dass Gesellschaft und Politik die Augen verschließen, vor dem was jährlich mehr als 120 Tsd. Kinder erleiden müssen. Allein um das Elternbild aufrecht zu erhalten, weil wir als Gesellschaft nicht hinsehen können, dass Familie der statistisch gefährlichste Ort für Kinder sind, dass Eltern auch Täter sein können.

Weil wir nicht hinsehen wollen, dass jeder Mensch Täter sein kann, wenn er in einer machtvollen Position ist. Erst wenn wir aufhören wegzuschauen, weil die Rolle, die wir einem Menschen zugestehen, eine positive zu sein scheint, haben wir eine Chance, die Kinder wirklich zu schützen. 

…. Ergänzung ca 2 Wochen später …

Beschwerden und Dienstaufsichtsbeschwerden haben eine Antwort der Leitung Jugendamtes erwirkt. Vier Seiten Antwort. Mit haltlosen Behauptungen und Verweisen auf Anordungen höhere Instanzen, ohne diese jedoch zu belegen und vor allem mit einigen Fragen und Feststellungen, die klarmachen, dass der Schreiber des Briefes nicht einen Blick in die Akten des Falles geworfen hat.

Fragen, wie „Wieviele Kinder sind in ihrer Familie untergebracht?“ „Wieviele eigenen Kinder betreuen sie?“ „Woraus besteht ihr Mehraufwand?“ machen deutlich, warum Berichte, Gutachten oder selbst Mitteilungen der eigenen Mitarbeiter keine Auswirkung haben.

Es gibt nichts, dass diese Leitung von ihrem Weg abbringt, nicht einmal die Realität. Denn diese Realität spielt keine Rolle, sondern nur seine eigene Vorgabe, sein eigenes Ziel welches deutlich auf der Kostenseite des Falles liegt. Gefüttert von einem 9 Jahre alten Therapiezwischenbericht, in dem der Therapeut eine wahrscheinlich im unteren Durchschnitt liegende Intelligenz vermutete.

Unser Glaube, gute Arbeit und Ergebnisse in der Betreuung würde eine Rolle spielen in der Jugendhilfe ist in der heutigen Jugendhilfelandschaft scheinbar ein Fehlschluss.

Aber es macht auch deutlich, wie wichtig es wäre, nicht nur Mitarbeiter des Sozialen Dienstes in Bezug auf Trauma und seine Auswirkungen zu schulen, sondern alle Bereiche des Jugendamtes. In jeder Handlung und jedem Brief wird deutlich, dass Jugendamt nicht wird unterstützen können, da es Trauma und seine Auswirkung nicht versteht. Wie soll ein Amt, dass nicht einmal mit Hilfe umfangreicher Berichte versteht, was Gewalt, sexuelle Gewalt und Vernachläsdigumg anrichten, verstehen, wie es traumatisierte Kinder erkennen, schützen und unterstützen soll?

Veröffentlicht in Allgemein, Kinderschutz, Trauma.

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